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Mindset und Haltung: Heute zum Thema Vertrauen

Letzte Woche hatte mir Marco vorgeschlagen, dass wir uns auf der „Liberating Structures Ruhrgebiet“ in Bochum treffen könnten. So lernte ich diese offene Meetup-Gruppe kennen, die sich dieses Mal zum Thema „Vertrauen“ austauschte.

Was ist Vertrauen und wie wird es sicht- und erlebbar?

Zunächst konnten wir uns jeder einzeln Gedanken dazu machen, wie wir persönlich das Konzept von „Vertrauen“ für uns definieren. So schrieb ich also ein paar Notizen auf, wie z. B. Beziehungsarbeit, Zuverlässigkeit und gute Absicht. Im Zweiergespräch sprudelten dann noch mehr Ideen: Vertrauen hätte auch etwas mit Verantwortung zu tun, mit Sicherheit und Zugehörigkeit. Da ginge es im Grunde um das Einhalten bestimmter Vereinbarungen. Meine Partnerin schickte mir via Telegram das Folgende zu:

Nach Schweer / Thies beinhaltet Vertrauen die drei Merkmale:
– Zeit, für den Aufbau des Vertrauens
– Risiko, enttäuscht zu werden
– Reziprozität, die gegenseitige Erwartung der Interaktionspartner*innen nach einer Geste des Vertrauens auch jenes auch zurückzubekommen

Vertrauen hat demnach etwas mit einer menschlicher Investition zu tun. Hier geht es um echte Gefühle, Erwartungen und Bedürfnisse. Eine Teilnehmende schoss sogleich die Idee in den Kopf, es gäbe ja quasi ein „Vertrauenskonto“. Es ist also möglich, auf dieses Konto in einer gewissen Weise einzuzahlen, einen Vorschuss zu geben, aber gerne auch mal das Konto zu überziehen. Von Marshall Rosenberg wissen wir, dass Menschen öfters die gleichen Bedürfnisse zu unterschiedlichen Zeitpunkten haben und wir lernen müssen, achtsam darauf einzugehen. Hierzu braucht es Teilhabe und Kommunikation. Und so können wir auch das Konzept des Anvertrauens verstehen. Wir bekommen Einblick, was die andere Person braucht und haben die Möglichkeit empathisch zu reagieren.

Interessant ist bei Vertrauen also die Zeitkomponente. Menschen laufen mit ihren Bedürfnissen asynchron, was schwierig sein kann, denn wenn wir einem Menschen etwas anvertrauen, birgt das immer sofort das Risiko, dass diese Informationen vielleicht anders verwendet werden könnten, als wir uns das vorgestellt hatten. Das Risiko nimmt also zu, je mehr Informationen wir teilen und preisgeben – ebenso unsere Erwartung, dass der Invest sich auszahlt und wir etwas zurückbekommen.

Da ist es doch bestimmt das Sicherste, einfach alles Wissen zu behalten und möglichst niemanden zu nah an sich ran zu lassen? Ein Trugschluss!
Wenn wir möglichst viel mit unseren Kolleg*innen, Freund*innen oder Partner*innen erreichen wollen, wenn andere unsere Bedürfnisse mit berücksichten sollen und wenn wir am großen Ganzen teilhaben wollen, also kurz gesagt, wirksam werden möchten, dann müssen wir Vertrauen schenken! Warum?

  • Wenn wir niemandem vertrauen, müssen wir alle unsere Probleme allein lösen.
  • Wir stecken andere mit unserem Misstrauen an, so dass um uns herum ein Umfeld von Angst entsteht, was für uns langfristig mehr Arbeit bedeutet.
  • Uns werden Informationen fehlen, da sich niemand uns gegenüber ehrlich und offen mitteilen wird.
  • Wir werden nie erfolgreich sein, weil jedes Team mit seinen unterschiedlichen Kompetenzen der Gruppe bessere Lösungen zustande bringen wird.
  • Die Ergebnisse der anderen werden niemals unsere Handschrift tragen. Andere werden die Welt gestalten, doch wir müssen am Ende in dieser Welt zurechtkommen!
  • Wir werden also jedes Spiel und jeden Wettbewerb zwangsläufig früher oder später verlieren.

Ansonsten hat es eine gedankliche, eine gefühlsmäßige und eine Verhaltenskomponente.

Vertrauen beginnt also im Kopf. Wir konstruieren unsere eigenen Gedanken und den Raum, den wir in unserer Vorstellung teilen und gemeinsam gestalten könnten. Dabei ist es wichtig, wie wir uns fühlen. In einer angespannten Atmosphäre werden wir dazu neigen, uns schützen zu wollen. Es muss also ein positiver Freiraum vorhanden sein oder bestimmte Konditionen vorliegen, damit wir uns öffnen können. Schlussendlich geht es dann aber darum, was wir tun und wie wir auf andere Menschen zugehen.

Hierbei hat mich Marco mal wieder sehr inspiriert, denn er hat ein grundsätzlich positives Menschenbild, weshalb es ihm oft leicht fällt, anderen Menschen zu vertrauen. Seiner Erfahrung nach bekommt er aus seinem Umfeld sehr viele positive Synergien zurück und aus meiner Sicht wird er dadurch zum Teil eines großen Netzes von positiv gestimmten Menschen, die sich gerne öffnen und mutig über ihre Herausforderungen sprechen.

Was nehmen wir also als Agile Coach bezüglich des Themas Vertrauen mit?

  1. Wenn wir andere Menschen begleiten und an ihren Prozessen teilhaben wollen, müssen wir uns ihnen gegenüber öffnen und einen Vertrauensvorschuss geben, um an wertvolle Informationen zu gelangen.
  2. In vielen Teams herrscht Misstrauen, so dass es sinnvoll ist, das Umfeld des Teams und seine unmittelbare Umgebung vertrauensvoller zu gestalten. Was braucht es dafür?
  3. Versucht Führungskräfte in eure Arbeit mit einzubinden. Meiner Erfahrung nach klärt sich dadurch viel schneller, wo der Schuh in der Organisation drückt, wenn ihr ihnen ausreichend viel Aufmerksamkeit schenkt. Sie bekommen das Gefühl, euch besser einschätzen zu können und glauben dann eher an die guten Absichten eurer Vorhaben.
  4. Versucht Menschen ins Gespräch zu bringen, die sich vielleicht nicht mehr oder noch nie ausgetauscht haben. Ihr könnt hier die Scheu nehmen, wenn ihr bei dem Gespräch dabei seid und gemeinsame Ziele aufdeckt.
  5. Als Agile Coach seid ihr mit sehr vielen unterschiedlichen Individuen in Kontakt, vielleicht mit mehr Menschen, als die eigentlich zuständige Führungskraft. Nutzt die verschiedenen Perspektiven um eine Vogelperspektive zu entwerfen und zu identifizieren, was vertrauensstiftende Maßnahmen für das Gesamtsystem sein könnten.

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