Agiles Arbeiten ist nicht flexibel!

Für manche mag es als pedantisch enge Auslegung von Worten wirken, für mich selbst geht es hier jedoch um Klarheit, da ich die Prinzipien agiler Arbeit verständlich näherbringen möchte. Daher beschäftige ich mich zum Jahresende erneut mit der Frage, was agiles Arbeiten ist und warum es für mich wenig mit Flexibilität zu tun hat.

Ein Gespräch unter Freunden

Mit Christian hatte ich neulich via Telegram genau diese Diskussion: Er hatte ein Anliegen an mich, welches er mir privat als Sprachnachricht schickte, worauf ich ihn bat, dieses bitte als Email ans Team zu schicken, damit es für alle transparent ist. Daraufhin fühlte er sich an das Schulamt und die aus seiner Sicht verkrusteten Strukturen erinnert. Wenn wir ein agiles Unternehmen wären, verstehe er nicht, warum ich damit nicht flexibel umgehen könnte. Meine Antwort war sofort im Kopf: Agilität hat nichts mit Flexibilität zu tun. Flexibel bedeutet biegsam und elastisch. Ich argumentierte also Christian gegenüber, dass für mich Flexibilität eine zu große Willkür bedeute und im Fokus von Agilität die Anpassungsfähigkeit stünde.

Ein agiles Unternehmen sollte sich aus meiner Sicht nicht bei jeder Entscheidung biegen oder stets elastisch sein. Im Gegenteil: Menschen brauchen klare Ziele und Vorgehensweisen, wenn sie gemeinsam arbeiten sollen.

Christian konterte, dass flexibel eben auch „an veränderte Umstände anpassungsfähig, bei Entscheidungen wendig“ bedeute. Jetzt ging es also ins Detail und es ergaben sich zwei Fragen:

  1. Lagen denn in Christians Anliegen veränderte Umstände vor? Denn nur in solchen Situationen bräuchte es ja die Anpassungsfähigkeit. Hatte er also neue Informationen oder wusste er von einer entscheidenden Veränderung?
  2. Was ist mit „bei Entscheidungen wendig“ gemeint?

Agil bedeutet sich bei veränderten Umständen anpassen zu können

In Christians Anliegen gab es keine neuen Informationen oder Veränderungen, die mich oder die New Work Academy betrafen. Daher hatte ich richtig reagiert: Interne Abläufe zu verändern oder z. B. Transparenz zu vermeiden, macht natürlich keinen Sinn, wenn es dafür gar keinen Anlass gibt. Christian wünschte sich eine Flexibilität, die weder einen Vorteil für ihn, noch die Firma gebracht hätte. Es ist ein vermeintlicher Wunsch von uns, wenn wir denken, hier kann ich mal schnell meine Bitte loswerden. Gleichzeitig steigt das Risiko für Verschwendung: Mit dem nur bei mir adressierten Anliegen darf ich jetzt die Email schreiben, die er nicht formuliert hat. Vielleicht entscheide ich auch etwas, das gar nicht die Qualität in der Lösung hätte, als wenn wir gemeinsam sein Anliegen alle gesehen hätten, etc.

Es ist daher gut, dass Agilität nicht bedeutet, dass wir einfach flexibel tun und lassen, wonach uns gerade ist, sondern ans Team denken, an die Transparenz im Unternehmen und warum wir bestimmten Prozessen folgen, die wir uns vorher ausgedacht haben.

Und sobald sich etwas an der Umgebung verändert oder uns neue Informationen vorliegen, bzw. wir eine Idee haben, können wir unser Vorgehen anpassen.

Folgende Definition findet sich daher auch in meinem Blogartikel Was ist agiles Arbeiten? Anfang 2019:

Agiles Arbeiten ist die Sichtbarmachung und Transparenz von Arbeitsprozessen und -ergebnissen, damit diese beobachtet und ihre Ergebnisse kontinuierlich sowie iterativ inspiziert und angepasst werden können.

Becker 2019

Ich antwortete Christian daher, dass es weniger um Anpassungsfähigkeit als Kompetenz, sondern um das Inspizieren und Anpassen als Tätigkeit ginge. Eine Organisation kann für mich nicht die Kompetenz der Anpassungsfähigkeit haben. Mich interessiert, ob die Mitarbeitenden versuchen, bei ihrer Arbeit kontinuierlich Dinge zu inspizieren und anzupassen. Wie gut oder wie schlecht sie dies tun, sei erstmal ihnen überlassen. Durch Übung können wir uns steigern und dazulernen. Wichtig ist, dass wir damit anfangen.

Bei Entscheidungen wendig?

Auch mit diesem Konzept habe ich meine Verständnisschwierigkeiten – es klingt für mich nicht nach Agilität. Wendig bedeutet „aufgrund von besonderer Beweglichkeit schnell auf entsprechende Handhabung reagierend“ und „fähig, sich schnell an eine bestimmte Situation anzupassen“. Beides impliziert, dass es exklusive Szenarien braucht, weswegen von „entsprechender Handhabung“ und „bestimmte Situationen“ gesprochen wird.

Der agile Ansatz ist für mich hochinklusiv!

Nein, aus meiner Sicht geht es nicht darum, dass wir bei entsprechender Handhabung oder Situation einen besonderen Hebel (agil) umlegen und flexibel ausweichen. Agilität ist ein Vorgehen, welches wir kontinuierlich anwenden. Wir leben die Transparenz, damit wir möglichst viele Informationen sehen und dadurch reaktionsfähig werden.

Dazu schrieb Benjamin in seinem Blogbeitrag Agiles Arbeiten – was ist das eigentlich?:

Die grundlegende Idee besteht darin, Arbeitsstrukturen zu schaffen, die möglichst schnell auf veränderte Bedingungen reagieren können – also agil sind – und somit die Chancen erhöhen, dass die geleistete Arbeit zu einer Wertschöpfung beiträgt. Hierbei ist das konstante Arbeiten an der Verbesserung der Arbeitsstrukturen integraler Bestandteil.

Godbersen 2018

Agil sein bedeutet also konstant an etwas zu arbeiten und gerade nicht flexibel aufgrund von jedem Impuls, seine Anpassungsfähigkeit darzustellen.

Fazit: Es geht um den Austausch und um die Reaktion

Das Gespräch mit Christian endete damit, dass in mehrerlei Hinsicht für mich und ihn deutlich wurde, dass wir ein agiles Unternehmen sind und was das bedeutet:

  1. Für Christian wurde verständlich, dass wir klare Vorgehensweisen haben, die sich nicht spontan ändern.
  2. Für Christian wurde sofort transparent, wie er mit solchen Anliegen in Zukunft auf uns zukommen kann.
  3. Uns beiden ist deutlicher geworden, dass es den direkten Dialog und Austausch braucht, wenn wir jemanden unser Konzept von Agilität erläutern möchten. Worte beinhalten eine Semantik, die nicht von allen Seiten in der gleichen Weise gedeutet wird.
  4. Für mich ist es jetzt wesentlich klarer geworden, dass agiles Arbeiten vor allem mit kontinuierlicher Reaktion zu tun hat.

Warum Reaktion? Zum einen finden wir im Agilen Manifest und seinen zwölf Prinzipien nicht einmal das Wort flexibel und von anpassen sprechen die Schöpfer von Agilität nur in Bezug auf das Verhalten des Teams durch die Reflexion in Retrospektiven.

Man hat es jedoch beim Agilen Manifest sehr genau genommen mit der Sprache. Es ging um einen Minimalkonsens, den alle mittragen wollten und der im Nachgang mehrfach unterzeichnet wurde. Reagieren auf Veränderungen steht jedoch als Wert sogar im Fokus, ebenso die Individuen und ihre Interaktionen. Daher können wir uns vor allem dies mitnehmen:

Agiles Arbeiten bedeutet, dass wir aufeinander reagieren, indem wir bestimmte Dinge transparent machen und diese kontinuierlich inspizieren und anpassen.

Dies machen wir jedoch nicht, weil wir flexibel oder anpassungsfähig sind, sondern weil wir bessere Wege erschließen wollen, wie wir wertvoll zusammen arbeiten können! Wir haben also eine intrinsische Motivation, die sich auf die Qualität von Zusammenarbeit bezieht und nicht einfach eine extrinsische Regel, möglichst flexibel oder anpassungsfähig zu sein.

Es wäre nicht wertvoll gewesen, flexibel auf Christians Anliegen einzugehen, aber es war wertvoll mit ihm den Dialog darüber zu führen, warum wir ein agiles Unternehmen sind und was dies im Kern für uns bedeutet, nämlich, dass alle die Chance bekommen, wenn jemand im Team ein Anliegen hat, dieses auch direkt zu sehen. Nur so können wir gemeinsam aufeinander reagieren.

Ein Gedanke zu „Agiles Arbeiten ist nicht flexibel!

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